"War doch Imperia die anspruchsvollste und launischste Dirne des Erdenrundes und nicht sowohl für ihre unübertroffene Schönheit, als für ihre Kunst bekannt, gleichermaßen Kardinäle, Leuteschinder und rauhe Krieger zu knechten. Die Höchsten wie die Kühnsten umwarben sie, ein Wink von ihr konnte einem das Leben kosten, und selbst unerbittliche Tugendbolde krochen bei ihr auf den Leim und tanzten gleich den andern nach ihrer Pfeife."    
Honoré de Balzac: Die schöne Imperia, 1832

Bis weit in die Neuzeit hinein blieben weltliche und geistliche Macht stets aufeinander angewiesen, als diesseitige Schutzmacht die einen und als jenseitige Legitimationshilfe die anderen. Weil sich allerdings beide von Gott ableiten ließen, standen sie zugleich in direkter Konkurrenz um die Herrschaft und die Ordnung des irdischen Lebens. Indem sie beide auf ihren Händen der Welt präsentiert, gibt die Statue des am Bodensee lebenden Künstlers Peter Lenk auf den Rangkonflikt zwischen Schwert und Stab eine eigenwillige Antwort. An die Stelle Gottes rückt hier die Verkörperung einer überdimensionalen Libido in Gestalt der Kurtisane Imperia, die in Honoré de Balzacs retrofiktionaler Erzählung aus dem Jahre 1832 die Geschicke der Welt während des Konstanzer Konzils geleitet haben will.  

Aber sind es nun wirklich König Sigismund und Papst Martin V., die die Hafenfigur auf ihren Händen hält oder sind es nur nackte „Gaukler, die sich die Insignien der weltlichen und geistlichen Macht angeeignet haben“, wie es Peter Lenk in einem ironisch gemeinten Kompromissvorschlag formuliert hat? Vielleicht ist die Antwort weniger spannend, als die Frage selbst, die die zwei nackten Männlein aufwerfen, die nur mit Krone und Reichsapfel auf der einen und mit Tiara auf der anderen Seite ausstaffiert worden sind, die Frage nämlich nach dem Verhältnis zwischen Leib und Kleidung, zwischen Sein und Darstellung – diese Beziehung berührt ein Kernproblem mittelalterlicher Herrschaftslehren.

Weil Macht als solche unsichtbar ist, bedarf sie der Visualisierung, der rituellen Inszenierung in einer sichtbaren Gestalt. Gerade König Sigismund hat in seiner Kleidung besonderen Wert auf eine detaillierte Symbolik gelegt. Traditionellerweise wurden der Sitz, die Präsenz und die Vollkommenheit der Macht am Körper des Herrschers zur Darstellung gebracht, in Herrschaftssymbolen und Kleidung, die die Symbolisierung von Herrschaft selbst zum Gegenstand haben. Erst durch diese Repräsentation der Macht wird aus dem natürlichen und sterblichen Körper eines Menschen die Verkörperung der Würde eines unsterblichen Amtes. 

Was hingegen von einem Machthaber bleibt, der seiner Insignien beraubt wird, hat Hans Christian Andersen, ein Zeitgenosse Balzacs, in einem Märchen gezeigt, das wie kein anderes das Ende der vormodernen Ordnung der Sichtbarkeit der Macht festgehalten hat. In „des Kaisers neue Kleider“ bleibt nach seiner buchstäblichen Bloßstellung nur ein Körper übrig, der anderen vorgegaukelt hatte, ein Kaiser zu sein.

  • Der Wirbel in der Stadt war 1993 groß, nachdem Peter Lenk mitten in der Nacht sein zehn Meter hohe Kurtisane aufgestellt hatte. Achtzehn Tonnen Beton drehen sich seither in drei Minuten einmal um die eigene Achse.  Manch ein Stadtrat, der damals in seiner Entscheidung gegen die Figur durch die herrschenden Eigentumsverhältnisse überstimmt wurde, fühlt sich noch heute übergangen und sähe die Imperia lieber auf dem Grund des Bodensees versenkt. So aber gebietet sie als Verkörperung einer anbetungswürdigen Weiblichkeit über die Hafeneinfahrt der größten Stadt am See, und Ihr leicht spöttischer Blick lässt ahnen, wie wenig sie sich selbst, geschweige denn die beiden Figuren auf den Händen, ernst nimmt. Nonchalant die Oberhäupter von Kirche und Staat balancierend, lässt sie keinen Zweifel daran, wer die Macht ausübt.

  • Audio-Kommentar von Henry Gerlach

    Position

Galerie: Bilder zum Standort, bitte klicken

Zu den anderen Standorten