„Danach wurde es still. Der Rauch legte sich wieder und Hus war aller Augen sichtbar, aber er hatte das Haupt tief geneigt und war augenfällig verendet, ehe ein Flämmlein ihn leckte. Nach zwei Stunden war sein Körper verzehrt, worauf die Asche zusammengeschaufelt, in ein Stierfell geschüttet und sodann unter Jubel in den Rhein geworfen wurde.“
Poggio Bracciolini, Brief an Niccolò Niccoli, 1415

Die mittelalterliche Gesellschaft versteht sich selbst als eine Heilsgemeinschaft, deren Mitgliedschaft über den Tod hinausreicht und vielfältige Formen der Kommunikation zwischen Lebenden und Toten kennt. In einer solchen Gesellschaft ist die Erinnerung an die Toten für die Aufrechterhaltung des unsichtbaren Bandes zwischen Lebenden und Toten zentral, ja, sie übt Heilsfunktionen aus, denen sich selbst Gott nicht entziehen kann.

Die Heilsordnung folgt hier einer ökonomischen Grundidee: dem Tausch irdischer Güter gegen jenseitiges Heil. Dieser Tausch wird durch die Kirche als Verwalter des Gnadenschatzes vermittelt, etwa im Verkauf von Ablässen, die den Menschen versprechen, Heilsgewissheit für sich oder ihre verstorbenen Verwandten erwerben zu können.

Die Verbrennung des Leibes ist nicht nur ein Vorgeschmack auf das Höllenfeuer und daher bereits wegen ihrer Brutalität die höchste Form der Bestrafung für Häresie und Ketzerei. Auch jede Möglichkeit der Erinnerung an die Toten soll getilgt werden. Bevor Jan Hus am 6. Juli 1415 zum Scheiterhaufen geführt wurde, musste er zusehen, wie ein aufgeschichteter Haufen seiner Schriften ebenfalls den Flammen übergeben wurde. Nicht nur sein Körper, auch seine Ideen sollten aus der Welt geschafft werden. Als Ketzer hatte er seine Mitgliedschaft in der Memorialgemeinschaft der Christen und damit das Seelenheil selbst verloren. Nichts sollte übrigbleiben. Nicht, dass noch Überreste überdauern, die als Reliquien eines böhmischen Märtyrers verehrt werden könnten. Etwas weniger als ein Jahr später ereilte Hieronymus von Prag dasselbe Schicksal: Dieser wurde am 29. Juli 1416, vor 600Jahren, vor den Toren der Stadt verbrannt.

  • Fünfundvierzig kontroverse, teilweise tumultarische Generalversammlungen hat das Münster als Sitzungsraum des Konzils in den rund dreieinhalb Jahren zwischen dem 5. November 1414 und dem 22. April 1418 erlebt. Schon die grundlegende Frage nach der Einheit der Kirche berührte unmittelbar Machtfragen. Wer darf im Namen der Kirche sprechen und wer verkörpert die Kirche: der Papst oder das Konzil? Sicher und nahezu einer Meinung waren die Protagonisten allerdings im Falle von Jan Hus, der in seiner Forderung nach einer armen Kirche, die Kirche als Verwalter des Heils selbst angriff.

  • Audio-Kommentar von Henry Gerlach

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