„Und es wäre auch eine Stadt, da Fleisch, Fisch, Heu und Hafer, auch alles, so man bedürfe, geringe Kosten verursachen wird.“
Ulrich Richental: Chronik des Konstanzer Konzils

700: wie kaum eine andere hat sich diese Zahl in der Erinnerungskultur des Konzils erhalten. Siebenhundert, oft fälschlicherweise als Hübschlerinnen benannte Prostituierte, wollte der vermögende Konstanzer Bürger und Chronist des Konzils, Ulrich Richtental, offiziell gezählt haben, nachdem er den Auftrag des Rates erhalten hatte, die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der Stadt zur Ausrichtung eines solchen Konzils zu erfassen.

Konstanz, so wollte es dem Chronisten scheinen, taugte offensichtlich nicht nur zum Schauplatz theologischer Wahrheitsfragen, sondern auch zur Befriedigung ganz profaner, fleischlicher Lüste, ob nun des anreisenden Klerus oder des weltlichen Adels und seiner Entouragen. Wenngleich das populärkulturell verführerische Thema „Hübschlerinnen“ meist der verklärten Belustigung der Nachwelt dient, verrät nicht nur der Standort der Konstanzer Frauenhäuser einiges über den wenig folkloristischen Marginalisierungsgrad der sogennanten „gemeinen Frauen“. Wie Henker und Arme waren die Frauenhäuser in unmittelbarer Nähe der Stadtmauern angesiedelt, das heißt buchstäblich am äußersten Rand der Gesellschaft, eine Position, die mit den in der Schandfarbe gelb gefärbten Bändern der Frauen sichtbar gemacht wurde.

Für die Besucher eines Frauenhauses selbst kaum ehrenrührig, bedeutete Prostitution für die Frauen oft genug Armut, Sünde und Ehrverlust, der am öffentlichen Pranger enden konnte oder mit anderen Ehrenstrafen belegt wurde. Die Einrichtung von Frauenhäusern zielte auch weniger auf den Schutz von Frauen, sondern vor allem auf die organisierte Kontrolle einer zeitweise wichtigen Einnahmequelle der Städte, die seit dem 15. Jahrhundert systematisch betrieben wurde.

  • Die Niederburg ist der älteste Stadtteil der Konstanzer Altstadt. In Reiseführern als mittelalterliches Herz der Stadt gepriesen, ist das heute angesagte Wohngebiet mit mittelalterlichem Gassencharme und handgefertigter Kleinkunst bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts noch Arbeiter- und Armenviertel. Zwischen dem Rheintorturm und der Unteren Laube stand hier eines der berühmten Frauenhäuser, denen der Konzilschronist Ulrich Richental in seinem Stadtlob ein zweifelhaftes Denkmal gesetzt hat.

  • Audio-Kommentar von Henry Gerlach

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